„Ich hatte das Gefühl, noch weniger wert zu sein als ein Hund“

Acht Uhr morgens in der südfranzösischen Kleinstadt Cabannes: Vor Gewächshäusern stehen Erntehelferinnen aufgereiht. Viele von ihnen kommen aus Marokko, sie arbeiten für den Obst- und Gemüseproduzenten „Vilhet Fruit“, angestellt aber sind sie...

„Ich hatte das Gefühl, noch weniger wert zu sein als ein Hund“

Acht Uhr morgens in der südfranzösischen Kleinstadt Cabannes: Vor Gewächshäusern stehen Erntehelferinnen aufgereiht. Viele von ihnen kommen aus Marokko, sie arbeiten für den Obst- und Gemüseproduzenten „Vilhet Fruit“, angestellt aber sind sie über die Zeitarbeitsfirma „Laboral Terra“. Die Vorgesetzten von Laboral Terra gehen die Reihe ab, betrachten die Frauen und geben Bewertungen ab.

„Du bist schön, du arbeitest morgen.“

„Das gefällt mir nicht.“

„Du siehst nicht gut aus, du bleibst zu Hause.“

Die Frauen, die den Männern gefallen, sollen später mit ins Büro kommen – dort drängen diese sie dazu, mit ihnen zu schlafen und machen Nacktfotos von ihnen.

So erinnert sich die Marokkanerin Yasmine Tellal an ihren Arbeitsalltag. „Laboral Terra“ hatte sie 2014 an Vilhet Fruit ausgeliehen. Die „Kuhtechnik“, so nennt sie die morgendliche Auswahl. Weil man sich dabei gefühlt habe, wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. Die heute 37-Jährige hat sechs Jahre als Erntehelferin in der französischen Landwirtschaft für Laboral Terra gearbeitet. Immer wieder sei sie von ihren Chefs sexuell belästigt worden, habe oft sieben Tage die Woche ohne Pause arbeiten müssen und weder ihre Überstunden noch Urlaubstage bezahlt bekommen, sagt sie.

BuzzFeed News hat die Anwältin von Laboral Terra, sowie Vilhet Fruit um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Die Unternehmen ließen die Anfrage jedoch unbeantwortet.

Flora Vala für BuzzFeed News

Yasmine Tellal hat hat sechs Jahre als Erntehelferin in der französischen Landwirtschaft gearbeitet und wirft ihren ehemaligen Chefs sexuelle Belästigung vor.

Laboral Terra ist eine der wichtigsten spanischen Leiharbeitsfirmen in der französischen Landwirtschaft. 2009 im spanischen Castellón gegründet entleiht die Firma Arbeiterinnen und Arbeiter an französische Agrarunternehmer, aber auch in Jobs in der Eisenindustrie und im Gastgewerbe.

Seit 2017 läuft vor dem Arbeitsgericht in Arles und seit 2018 auch vor dem Strafgericht in Avignon ein Verfahren gegen Laboral Terra. Fünf Klägerinnen und Kläger, zwei Männer und drei Frauen, erheben schwere Vorwürfe gegen die Leiharbeitsfirma sowie gegen acht französische Landwirtschaftsunternehmen. Laboral Terra soll systematisch Arbeitsverträge nicht eingehalten, Arbeiter schwarz beschäftigt sowie Überstunden oder Urlaubstage nicht bezahlt haben.

BuzzFeed News gegenüber erheben einige der Arbeiterinnen Vorwürfe, die über das hinausgehen, was Gegenstand der Ermittlungen ist: Es geht um mangelnde Schutzvorkehrungen beim Einsatz von Pestiziden und Arbeitsunfälle. Aber vor allem geht es um systematische und lang anhaltende sexuelle Belästigung und Nötigung. Yasmine Tellal sagt, auf einer Farm, auf der sie über Laboral Terra angestellt gewesen sei, seien sie behandelt worden wie Sklaven.

Ausbeutung und Belästigung für billiges Obst und Gemüse

Auch ein ehemaliger Kollege von Yasmine Tellal, Mohamed Zaanoun, erinnert sich, dass seine Vorgesetzten in der Mittagspause Arbeiterinnen gegen deren Willen angefasst und sie mit in ein kleines Büro genommen hätten. Dies habe stattgefunden, während er über Laboral Terra für Vilhet Fruit gearbeitet habe. „Ich habe zu ihnen gesagt: ‘Was macht ihr da? Das ist respektlos gegenüber den Frauen’“. Doch einer der Chefs habe abgewiegelt und gesagt: „Wir machen doch gar nichts!“ Auch eine weitere ehemalige Angestellte von Laboral Terra beschreibt BuzzFeed News gegenüber Vorfälle sexueller Belästigung in dem Unternehmen.

Laboral Terra hat auf eine Anfrage von BuzzFeed News zu den Vorwürfen nicht geantwortet. In einer Anzeige vom 20. Februar 2018, die BuzzFeed News ebenfalls vorliegt, sagt Yasmine Tellal über zwei ihrer Vorgesetzten aus, über Ahmed B. und Hassan G.:

„Sie haben mich häufig angefasst, mehrmals auch an den Brüsten oder am Gesäß [...] Ahmed hat mir 300 Euro geboten, damit ich seine Geliebte werde [...] ich weiß, dass viele Frauen mit B. und Hassan geschlafen haben, weil sie keine andere Wahl hatten.“

Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen und einem Mann hat Tellal Laboral Terra deshalb wegen sexueller Belästigung angezeigt. Ahmed B. und Hassan G. befinden sich nach Informationen von BuzzFeed News nicht mehr in Frankreich und waren für eine Stellungnahme, auch über die Anwältin von Laboral Terra nicht zu erreichen.

Die Vorwürfe gegen Laboral Terra und die Landwirtschaftsunternehmen sind mehr als eine Randnotiz aus der französischen Provinz. Sie verweisen auf ein europaweites Problem: Wie Erntehelferinnen für billiges Obst und Gemüse systematisch ausgebeutet und belästigt werden. Immer wieder spielen Leiharbeitsfirmen und Vermittlungsagenturen darin eine Rolle, die die wirtschaftliche Abhängigkeit von Arbeiterinnen aus Nicht-EU-Ländern ausnutzen.

Die Anwälte der Arbeiterinnen argumentieren, dass die landwirtschaftlichen Produzenten, die über Laboral Terra Arbeitskräfte angestellt haben, von diesen Bedingungen gewusst und profitiert haben. „Das Problem liegt bei den französischen Firmen. Sie müssen bestraft werden“, sagt Farid Faryssy, Anwalt von Yasmin Tellal und einer weiteren Klägerin. Französische Unternehmen würden sich im Fall von Anzeigen oder Arbeitskontrollen hinter der Leiharbeitsfirma verstecken – dabei seien letztendlich die Unternehmen verantwortlich.

Was Yasmine Tellal und ihre ehemaligen Kolleginnen beschreiben, ähnelt den Zuständen auf Feldern in Spanien, Italien und Marokko, die BuzzFeed News im vergangenen Jahr aufgedeckt hatte. Mehr als 100 Erntehelferinnen hatten über Belästigung und Ausbeutung berichtet. Daraufhin zeigten in Spanien dutzende Frauen ihre Vorgesetzten an, in ganz Spanien gingen Frauenrechtsgruppen und Arbeiterinnen auf die Straße. Die beschuldigten Unternehmen mussten bisher keine rechtlichen Konsequenzen tragen, Ermittlungen wurden teilweise fallen gelassen oder dauern noch an.

Aldi Süd hat Produkte von Unternehmen gekauft, die mit Laboral Terra zusammengearbeitet haben

An den aktuellen Fällen aus Frankreich kann man erkennen, wie systematisch diese Ausbeutung geschieht. Ein weiterer zentraler Vorwurf in dem Verfahren vor dem Arbeitsgericht lautet, dass die Angestellten von Laboral Terra das Kriterium der ausländischen Leiharbeiter gar nicht erfüllen. Alle Klägerinnen und Kläger leben fest in Frankreich, unterschrieben dort ihre Arbeitsverträge und hätten – so argumentieren ihre Anwälte – daher das Recht, wie französische Angestellte behandelt zu werden. BuzzFeed News liegen Dokumente vor, in denen die Anwälte der Männer und Frauen die Vorwürfe gegen Laboral Terra ausführlich darlegen.

Auf Anfrage von BuzzFeed News äußerte sich Laboral Terra nicht zu diesen Vorwürfen.

Ralph Orlowski / Getty Images

Auch deutsche Unternehmen profitieren indirekt von den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Aldi Süd etwa hat Produkte von Unternehmen gekauft, die mit Laboral Terra zusammengearbeitet haben und gegen die ebenfalls vor dem Arbeitsgericht ermittelt wird. Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt eine Sprecherin: „Von zwei der genannten Betriebe, die bei GLOBAL G.A.P. registriert und zertifiziert sind, hat Aldi Süd in 2018 sehr geringe Mengen Äpfel erhalten.“ Zu den Erzeugern bestünden keine direkten Geschäftsbeziehungen. Bei den Unternehmen handele es sich um „Coccolo - SCEA Les Fruits Beauchamp“ und „Gaec Durance Alpilles“.

„Die geschilderten Zustände in Frankreich sind in keiner Weise mit unserem Verständnis von sozial gerechten und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen vereinbar. Wir distanzieren uns unmissverständlich von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen jeglicher Art und haben sehr klare Regeln hinsichtlich der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern unserer Waren festgelegt“, schreibt die Sprecherin weiter. Bestünde bei Erzeugern, von welchen Lieferanten von Aldi regelmäßig Ware bezögen, der Verdacht, dass sie diese Regeln nicht einhielten, würden die Vorwürfe überprüft. Aldi behalte sich vor, umgehend Konsequenzen für die weitere Zusammenarbeit zu ziehen, sollte sich ein Verdacht bestätigen. „Kriminelle Machenschaften werden von uns in keiner Weise geduldet.“

Unternehmen gegen die ermittelt wird erhalten weiter Zertifikate für Sozialstandards

Auch Aldi Frankreich hat nach eigenen Angaben Produkte von „Coccolo - SCEA Les Fruits Beauchamp“ bezogen. Die Rewe Group, Lidl und Kaufland beziehen nach eigenen Angaben kein Obst oder Gemüse der beschuldigten Unternehmen. Netto und Edeka reagierten nicht auf eine Anfrage von BuzzFeed News.

Aldi verweist sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland darauf, dass eines der Unternehmen, nämlich Coccolo, ein Global G.A.P.-Zertifikat besitzt. Global G.A.P. („Good Agricultural Practice“) ist ein Unternehmen, das Erzeugern von Feldfrüchten, Viehzucht oder Aquakultur zertifiziert, dass ihre Produkte „sicher und nachhaltig“ seien. Nach eigenen Angaben ist Global G.A.P. die weltweit am weitesten verbreitete, nicht-staatliche Zertifizierung im Bereich Lebensmittelsicherheit. Doch Global G.A.P. versichert nicht nur, dass die Produkte in Ordnung sind, durch ein Zusatzzertifikat namens GRASP, versichert es Abnehmern auch, dass bestimmte Sozialstandards in der Lieferkette eingehalten werden. Global G.A.P. stellte Coccolo erst Anfang Juni 2019 ein Zertifikat aus – obwohl gegen das Unternehmen seit rund zwei Jahren wegen arbeitsrechtlichen Verstößen ermittelt wird. BuzzFeed News hat Global G.A.P. angefragt warum dies so ist, bislang jedoch keine Antwort erhalten. Für das Gaec Durance Alpilles läge seit Mitte des Jahres kein GRASP Zusatzmodul mehr vor, schreibt eine Sprecherin von Aldi Süd Deutschland. Auch hierzu hat sich Global G.A.P. bisher nicht geäußert.

Auch Yasmine Tellal hat für Coccolo und Gaec Durance Alpilles gearbeitet. Das geht aus den Dokumenten hervor, die BuzzFeed News vorliegen.

Er habe sie gewaltsam geküsst, seine Hand in ihren Schritt gelegt

Der Albtraum der Marokkanerin beginnt 2010 mit einer großen Hoffnung: Damals arbeitet sie noch in einem Bekleidungsgeschäft auf den Kanaren. Doch die spanische Wirtschaft gerät in die Krise, Tellal verliert ihren Job und beschließt, nach Frankreich zu gehen. Ein Freund vermittelt ihr den Kontakt zu einem Mann namens Ahmed B.. B. ist der Geschäftsführer von Laboral Terra in Frankreich, einer der vielen Leiharbeitsfirmen, die sich in den vergangenen zehn Jahren in Spanien angesiedelt haben. B. verspricht Tellal einen guten Job in der Landwirtschaft.

Eine der ersten Firmen, für die sie arbeitet, ist ein großer Apfelproduzent in der Provence, der laut eigenen Angaben jährlich rund 8000 Tonnen Äpfel anbaut und diese auch in andere EU-Länder exportiert. Tellal sagt, ihr sei vertraglich zugesichert worden, dass Laboral Terra den Transport von der Arbeit zu ihrer Unterkunft organisiere. Doch das sei nicht eingehalten worden. Stattdessen habe sie mit dem Vorgesetzten der Leiharbeitsfirma, Ahmed B., in dessen Auto nach Hause fahren müssen.

An einem Tag im September 2012 habe er auf dem Rückweg angehalten, auf dem Parkplatz eines Restaurants. Tellal sagt BuzzFeed News gegenüber, sie sei überrascht gewesen und habe ihn gefragt, was er mache. B. soll geantwortet haben, dass sie mit ihm schlafen müsse, wenn sie eine gute Stelle haben wolle. Er habe ihr angeboten, dafür 300 Euro pro Monat zusätzlich zu zahlen. Als sie abgelehnt habe, habe er angefangen, sie gewaltsam zu küssen, ihre Brüste zu berühren und ihre Hand in seinen Schritt zu legen. Sie habe sehr laut geschrien, doch auf dem Parkplatz sei niemand gewesen. „Ich will dir doch nur helfen“, soll B. zu ihr gesagt haben, so erinnert sich Tellal im Gespräch mit BuzzFeed News. Sie habe große Angst gehabt und ihm gesagt, dass sie nach Hause wolle. Schließlich habe er von ihr abgelassen und sie nach Hause gebracht. Tellal schildert diesen Übergriff in Teilen auch in der Anzeige, die sie im Februar 2018 bei der Grenzpolizei aufgibt.

Weder Laboral Terra noch der Apfelproduzent äußerten sich auf Anfrage von BuzzFeed News zu den Vorwürfen.

„Ich habe gedacht, heute werde ich sterben“

Seit sie sich gegen ihre ehemaligen Chefs zur Wehr setze, sei sie immer wieder bedroht und belästigt worden, sagt Tellal. Vor allem von ihren Vorgesetzten Ahmed B. und Hassan G.. 2014 habe sie begonnen, mit ihren damaligen Kolleginnen, allerdings außerhalb der Arbeitszeit über unbezahlte Überstunden zu reden, über fehlenden Transport, sexuelle Belästigung und Vertragsprobleme. Deswegen sei sie angefeindet und auch verletzt worden. Die Reifen ihres Auto seien zerstochen worden und ein Nachbar, der mit ihren Vorgesetzten befreundet sein soll, habe sie verprügelt. Tellal zeigte den Mann an, doch die Ermittlungen seien eingestellt worden.

Tellal erinnert sich außerdem an einen Tag im April 2016, als G. und B. sie vor anderen Angestellten bedrängt hätten. Sie habe angefangen zu schreien und den Männern mit der Arbeitsaufsicht gedroht. Zwei Tage später sei sie von einer Arbeiterin angegriffen worden. Diese habe ihr in der Toilette den Kopf gegen die Wand geschlagen und sie gewürgt. „Sie hat mich zu Boden geworfen. Ich habe gedacht, heute werde ich sterben“, sagt Tellal, die sich sicher ist, dass die Frau von ihren Chefs geschickt wurde.

Ihre Kollegin Leila Touzani erinnert sich an den Vorfall und gibt an, Tellals Schreie auf der Toilette gehört zu haben. Auch der Chef von Vilhet Fruit habe das Rufen gehört. Touzani gibt an, sie habe den Mann gebeten, die Polizei zu alarmieren, dieser habe stattdessen jedoch Ahmed B. und Hassan G. informiert. Tellal wird am Hals und am Kopf verletzt. Ein ärztliches Schreiben, dass ihre Verletzungen dokumentiert, liegt BuzzFeed News vor. Doch Laboral Terra habe den Unfall nicht gemeldet. Stattdessen wird Tellal nur einen Tag nach dem Vorfall entlassen. Ein entsprechendes Schreiben, das dies bestätigt, liegt BuzzFeed News vor.

Weder Laboral Terra noch Vilhet Fruit äußerten sich auf Anfrage zu den Vorwürfen.

Eric Besatti für BuzzFeed News

Leere Gewächshäuser in Südfrankreich.

Heute arbeitet Tellal nicht mehr bei Vilhet Fruit oder für Laboral Terra. Doch auch nach der Kündigung sei sie vor ihren ehemaligen Chefs nicht sicher, sagt Tellal. Auch nicht in dem Unternehmen, in dem sie bis vor Kurzem gearbeitet hat. Sie sagt, sie habe ihren Chef dort, einen französischen Landwirt, dazu gebracht, nicht mehr mit Laboral Terra zusammenzuarbeiten. Vier Männer, darunter der Verwalter und der Manager von Laboral Terra in Frankreich, hätten sie deshalb im Jahr 2017 an ihrer neuen Arbeitsstelle aufgesucht, um sie einzuschüchtern. „Sie haben mir gesagt, dass es unmöglich sei, Laboral Terra zu verlassen“, sagt Tellal. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tellal das Unternehmen bereits angezeigt – gemeinsam mit Leila Touzani.

BuzzFeed News hat der Anwältin von Laboral Terra diese Vorwürfe mit Bitte um Stellungnahme zukommen lassen. Eine Antwort blieb jedoch aus.

Die Arbeiterinnen haben Angst vor ihren ehemaligen Chefs

Im Gegensatz zu Tellal will Touzani in diesem Artikel nicht unter ihrem richtigen Namen genannt werden. Die fortwährende Belästigung hat sie schwer mitgenommen. Sie leidet unter Depressionen, kann nicht mehr arbeiten und verlässt ihr Haus nur selten. Und sie hat Angst, dass die beschuldigten Unternehmen und ihre ehemaligen Vorgesetzten ihr schaden könnten. BuzzFeed News trifft sie in einem Café in der südfranzösischen Region Bouches-du-Rhône. Touzani schaut während des Interviews immer wieder über die Schulter. Sie hat Angst davor, dass sie belauscht wird – und dass die Männer auftauchen könnten, für die sie gearbeitet hat.

Touzani hat gemeinsam mit Yasmine Tellal von Mitte September 2013 bis Januar 2014 für ein Unternehmen namens „Qualit Prim Services“ gearbeitet und auf dessen Feldern Salate geschnitten. Touzani sagt, sie habe dort Arbeitstage gehabt, an denen sie dreizehn Stunden hätte arbeiten müssen – von 8 bis 21 Uhr, mit nur einer halben Stunde Pause. Während der Arbeitszeit habe sie eigentlich nicht auf Toilette gehen dürfen, dies aber trotzdem getan. „Um nicht umzukippen, habe ich heimlich auf der Toilette Bonbons gegessen, wie ein Tier“, sagt sie. „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, noch weniger wert zu sein als ein Hund.“

BuzzFeed News hat mehrfach versucht Qualit Prim Services per Mail sowie telefonisch zu erreichen. Die auf der Webseite angegebene Mailadresse funktionierte nicht, beim Versuch den Geschäftsführer telefonisch zu erreichen sagte dieser der Reporterin gegenüber, dass er sehr beschäftigt sei und keine Zeit habe auf eine Anfrage zu antworten. Auf den Hinweis, dass die Vorwürfe dann ohne seine Stellungnahme veröffentlicht würden sagte er: „Das ist nicht schlimm, auf Wiedersehen“, und legte auf.

‚‚Wenn du am Abend geduscht hast, war das Wasser gelb“

Auch Mohamed Zaanoun, der Arbeiter, der beobachtet haben will, wie Vorgesetzte Kolleginnen sexuell belästigt haben, berichtet von Verstößen gegen arbeits- und gesundheitsrechtliche Bestimmungen. Er arbeitet seit April 2014 für „La Darmane“, ein Unternehmen in Avignon, das Gemüse, Obst und Getreide produziert. Dort wird er in Gewächshäusern für Tomaten eingesetzt. Er habe mehrfach Pestizide versprühen müssen, ohne, dass das Unternehmen ihm Schutzkleidung bereit stellte, sagt Zaanoun. Er sei danach auch nicht von einem Arzt untersucht worden, obwohl ihm das rechtlich zugestanden hätte. ‚‚Wenn du am Abend geduscht hast, war das Wasser gelb“, sagt er. Der Kontakt mit zu viel Pestiziden kann zu Krankheiten wie Krebs oder Parkinson führen.

Der Chef des Unternehmens habe mindestens einmal Pestizide mit dem Traktor ausgefahren, während die Erntehelfer gleichzeitig in den Gewächshäusern gearbeitet hätten, sagt Zaanoun. Der Chef selbst habe die Fahrertür geschlossen gehalten und sei nicht mit den Chemikalien in Kontakt gekommen – im Gegensatz zu den Arbeitern. Zaanoun sagt, er habe seinen Kollegen daraufhin gesagt, sie sollten die Gewächshäuser sofort verlassen. „Wir konnten auf keinen Fall unter solchen Bedingungen weiter arbeiten‘‘, sagt er BuzzFeed News.

Erst Ende Juni diesen Jahres habe er einen Kollegen ins Krankenhaus bringen wollen. Zaanoun ist zu diesem Zeitpunkt nicht über „Laboral Terra“, sondern über eine andere Leiharbeitsfirma bei „La Darmane“ angestellt. Das Gesicht des Kollegen sei während der Arbeit in den Tomaten angeschwollen. Der Mann habe aber Angst gehabt, dass ihm deshalb gekündigt würde.

„Es liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers, sich um ihre Angestellten zu kümmern und sie ins Krankenhaus zu bringen, wenn sie es müssen“, sagt Zaanoun. Der Kollege sei letztendlich medizinisch versorgt worden, habe von dem Unternehmen aber keine ärztliche Bescheinigung über einen Arbeitsunfall bekommen.

BuzzFeed News war es nicht möglich La Darmane mit den Vorwürfen zu konfrontieren, da keine der angegeben Telefonnummern für die Reporterinnen erreichbar war. Der Versuch einen Kontakt über eine Leiharbeitsfirma, die mit La Darmane zusammenarbeitet, zu erhalten verlief erfolglos.

Seine große Hoffnung auf ein besseres Leben in Frankreich sei schnell verpufft, sagt Zaanoun: „Ich hatte gehört, in Frankreich wirst du Freiheit, Gleichheit bekommen. Aber als ich hier angekommen bin, gab es davon überhaupt nichts.“ Rechte gebe es für Menschen wie ihn nicht.

„Gleicher Lohn, am gleichen Ort für gleiche Arbeit“

Zaanoun arbeitet seit Jahren regelmäßig für La Darmane. Meist sind es fünf oder sechs Monate im Jahr, 2018 waren es sogar neun Monate. Trotzdem erhält er nie einen festen Vertrag. Seine Anwälte argumentieren deshalb, dass Firmen wie Laboral Terra und La Darmane Zaanoun um tausende Euro Lohn und den französischen Staat um Sozialabgaben betrogen haben.

Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass Laboral Terra Arbeiter wie Zaanoun und Tellal als ausländische Leiharbeiter ausgewiesen hat, obwohl diese ihren permanenten Wohnsitz in Frankreich hatten. In den Dokumenten, die BuzzFeed News vorliegen, schreiben die Anwälte daher, Mohamed Zaanoun könne unmöglich als Leiharbeiter bezeichnet werden. Die von Laboral Terra ausgestellten Kurzzeitarbeitsverträge seien ein erheblicher Verstoß gegen die Rechte der Arbeiter.

Dies habe es Laboral Terra ermöglicht, Sozialabgaben und Mindestlohn nach spanischem Arbeitsrecht zu zahlen – die jedoch niedriger sind als in Frankreich. Folgt man den Ausführungen der Anwälte, dann war das Vorgehen der Leiharbeitsfirma nicht nur darauf ausgelegt, Kosten zu minimieren, sondern kriminell.

Mithilfe ausländische Leiharbeiter in der Landwirtschaft Geld zu sparen ist in Frankreich ein beliebtes Modell – und immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen. Im Juni 2018 beschloss das Parlament deshalb eine Gesetzesänderung, um Sozialdumping, Schwarzarbeit und Ausbeutung im Niedriglohnsektor stärker zu bekämpfen. Seitdem soll der Grundsatz gelten: „Gleicher Lohn, am gleichen Ort für gleiche Arbeit.“ Muriel Pénicaud, die französische Arbeitsministerin, kündigte verstärkte Arbeitskontrollen und schwarze Listen für Unternehmen an, die gegen das Gesetz verstoßen.

Für Yasmine Tellal und ihre Mitstreiter kommt diese Initiative zu spät, sie können nur darauf hoffen den Schaden, der ihnen entstanden ist, rückwirkend einzuklagen.

Leiharbeiter machen ein Fünftel der Beschäftigen in der französischen Landwirtschaft aus

Im Jahr 2017 waren mehr als eine halbe Million sogenannte „entsandte Arbeiter“ in Frankreich beschäftigt, fast doppelt so viele wie im Jahr 2016. Allein in der Landwirtschaft stellten sie mehr als ein Fünftel aller Arbeiter und Arbeiterinnen.

Das liegt auch daran, dass Franzosen für die Arbeit auf dem Feld nicht zu gewinnen sind. „Erwerbslose Franzosen wollen schon seit langer Zeit nicht im landwirtschaftlichen Sektor arbeiten. Es ist ihnen zu schwer oder sie haben einfach keine Lust darauf“, sagt Patrick Lévêque, der Präsident der landwirtschaftlichen Gewerkschaft FNSEA in der Region Bouches-du-Rhône, BuzzFeed News. „Deshalb gibt es keine lokalen Arbeitskräfte mehr. Die spanischen Leiharbeitsfirmen reagieren auf diesen Mangel an Erntehelfern.“

So argumentieren auch die Anwälte der angeklagten Unternehmen vor Gericht. An einem Verhandlungstag vor dem Arbeitsgericht im Mai, bei dem BuzzFeed News anwesend war, gab der Anwalt des Unternehmens Coccolo an, dass Landwirte nur auf Leiharbeiter zurück griffen, weil dies wirtschaftlich notwendig sei, um am Markt zu bestehen.

Das Verfahren sei politisch motiviert. „Dies ist ein politischer und ein gewerkschaftlicher Prozess“, so der Anwalt des angeklagten Unternehmens „SARL Le Clos des Herbes“ im Gespräch mit BuzzFeed News nach der Verhandlung. „Es ist eine Sache, Leiharbeit anzuprangern, aber hier werden Landwirte als Sündenböcke benutzt oder gar als Bösewichte dargestellt.“

Die Arbeiterinnen um Yasmin Tellal sind enttäuscht und wütend

Das Arbeitsgericht hat die Urteilsfindung vorerst vertagt, weil noch ein weiterer Richter hinzugezogen werden soll. Der nächste Verhandlungstermin ist für Anfang Dezember angesetzt.

Laboral Terra hat derweil am 13. Juni 2019 Insolvenz angemeldet, stellt aber aktuell, zumindest in Spanien, weiter ein. Die Anwältin von Laboral Terra, Nadia El Bouroumi, sagt im Gespräch mit BuzzFeed News, ihre Klienten seien keine Millionäre und respektierten das Gesetz. „Und wenn du als Leiharbeitsfirma das Gesetz respektierst, kannst du am Ende deinen Lebensunterhalt nicht verdienen.“

Béatrice Mesini, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Aix-Marseille, glaubt dagegen, dass die Insolvenz von Laboral Terra Kalkül gewesen sei, um Schadensersatzforderungen auszuweichen. So sei es auch bei einem Unternehmen in der Region Crau gewesen. Dort hätten 450 Erntehelfer ihr Unternehmen zunächst bestreikt und nicht ausbezahlte Überstunden eingefordert. Die Summe belief sich laut Mesini auf mehr als 200.000 Euro. Der Arbeitgeber habe angegeben, die Sache klären zu wollen – stattdessen aber am nächsten Tag Insolvenz angemeldet, um damit Schadensersatzzahlungen zu entgehen. „Sie machen das, wenn sie sonst nichts mehr machen können, wenn sie keine andere Wahl mehr haben“, glaubt auch der Anwalt von Yasmine Tellal, Farid Faryssy.

„Die sexuelle Belästigung interessiert sie nicht“

Und auch das Verfahren am Strafgericht entwickelt sich in eine Richtung, die die Arbeiter und Arbeiterinnen um Yasmine Tellal enttäuscht, wütend und besorgt zurücklässt. Als der Anwalt Faryssy im Mai beim Gericht in Avignon vorstellig wird, erfährt er, dass die von seinen Mandantinnen erhobenen Vorwürfe sexueller Belästigung nicht Gegenstand des Verfahrens sind. Stattdessen wird gegen die Vorgesetzten von Laboral Terra wegen Sozialversicherungsbetrug und Beihilfe zur illegalen Einreise nach und Aufenthalt in Frankreich ermittelt. Yasmine Tellal und Leila Touzani treten in den Akten nur als Zeuginnen, nicht als Nebenklägerinnen auf.

BuzzFeed News hat den ermittelnden Staatsanwalt am Strafgericht in Avignon angefragt, warum die Vorwürfe sexueller Belästigung kein Teil der Klageschrift sind. Der Staatsanwalt hat darauf nicht geantwortet.

„Die sexuelle Belästigung und Erpressung, die meine Mandantinnen erdulden mussten, interessiert sie nicht“, sagt Faryssy. „Auch wenn sie natürlich darüber gesprochen haben, erscheint es nicht in der Klageschrift.“ Doch aufgeben will Faryssy noch nicht, stattdessen will er eine neue Klage wegen sexueller Belästigung für alle mutmaßlich betroffenen Frauen beim Strafgericht einreichen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt er.


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Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: [email protected]

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Tifenn Hermelin ist Tontechnikerin, Radiojournalistin und recherchiert zu landwirtschaftlichen und sozialen Themen.

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